Katalogvorwort zur aktuellen Ausstellung Kathrin Leopolder - Zeichnungen

"Bilder begleiten uns, die zwischen Tag und Nacht schweben.
Sie haben ihr zuhause in den Bilderbüchern der Kindheit, den märchenhaften Gestalten, die sich beim Lesen von illustrierten Geschichten vor Augen stellten oder in den kleinen Nebenwelten der Alltagsgrafik, den bedruckten Verpackungen und Tüten, die einem auf dem Weg eher beiläufig entgegengetreten sind.
Diese Bilder tragen eine Generation von Kindern in der Phantasie ein Stück weit mit sich davon. Dann aber lässt ihr Zauber im Laufe des Größerwerdens nach; sie beginnen eines nach dem anderen unbemerkt zu verblassen. Nur selten und eher zufällig bekommt man sie im späteren Leben noch zu Gesicht. Von fern her, wie ein Hauch, scheinen sie dann – den längst Erwachsenen – leicht an der Schulter zu streifen. „Es hat sie also wirklich gegeben und gibt sie noch“, sagt man sich ein wenig verwundert - hat man sie doch, wie das gesunkene Schiff der Kindheit- längst am Meeresboden des Vergangenen begraben gewähnt.
Kathrin Leopolders Zeichnungen rühren an solche Bilderwelten. Aber anders als bei der Berührung mit den tatsächlichen Dokumenten aus dieser Zeit, an denen, ist die erste Freude über das unverhoffte Treffen abgeklungen, das eigene Alter und das Altern des Materials doch eher melancholisch stimmen, begegnet man ihnen in der zeichnerischen Verwandlung auf getönten Kartons frisch und neu. Schaut man sie länger an, ist es, als lächelten sie einem zu.
Tiere und weibliche Wesen, die aus einem Zwischenreich stammen, sind zu sehen. Manche von ihnen hüten eine Schwelle, ein Tor, das sich öffnet, oder den Eingang zu einem orientalisch anmutenden Zelt. Die Räume, auf die sie verweisen, sind nicht immer nach logischen Gesetzen aufgebaut, was eben noch im Vordergrund zu sein scheint kann durch einen Schatten, eine Schraffur schon im Hintergrund aufgehen, das eine kann das andere durchdringen.
Ein Zyklus von fünf Zeichnungen zeigt eine Bienenkönigin. Mit ihren langen weißen Flügeln ist sie wie eine transparente Erscheinung, fast wie ein Engel ins Bild gesetzt. Zerbrechlich und stark zugleich, darf sie versonnen, und auf sich selbst bezogen sein, aber auch schutzverheißend. Dann wieder ist sie im kühlen Duett mit einer Gestalt zu sehen, die in einer anderen Zeit und einer anderen Kultur beheimatet zu sein scheint. Die Striche sind bewegt und immer wieder gibt es Farbzonen oder Einsprengsel, in denen die strengen Konturen, die Tektonik der Zeichnung aufgeweicht werden, als wenn ein kurzer Sprühregen darüber hinweggestreift wäre.
Auf einer großformatigen Zeichnung ist ein Bewohner des Waldes, ein Wild, zu sehen. Es durchbricht das Unterholz mit großer Selbstverständlichkeit, als wäre es nur dazu da, von ihm beiseite geschoben zu werden. Es selbst aber bleibt unversehrt.
So mag es dem Betrachter gehen, der sich auf diese Bilder einlässt. Der Widerstand gegen die verschüttet geglaubten Bilderwelten schmilzt dahin, aber der alte Bann ist doch gebrochen. Er findet sich im Hier und Jetzt auf gleicher Augenhöhe mit Leopolders Zeichnungen wieder, und ehe er es sich versieht lächelt er – womöglich - schon selbstgewiss zurück."
(Andrea Gnam, www.andrea-gnam.de)